Vorn Magazine

Das Vorn Magazine ist eine Special Interest Publikation. Sie erscheint unregelmäßig, etwa ein Mal jährlich. Gegründet wurde die Vorn 2004 von Joachim Baldauf. Sie bietet Fotografen, Graphikern, Designern, Art Direktoren, Künstlern und Autoren ein Forum, stets selbst gewählte Themen zu veröffentlichen.

Vorn VI, 6. Ausgabe 2010, Co-Publisher

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Mit Beiträgen von | With contributions by:

ABÄKE, Robert G. Bartholot, Ronja Beer, Andreas Bernhard, Dennis Blys, Ralf Bönt, Madeleine Boschan, Julia Curtin, Rachel De Joode, Nana Dix, Regina Fasshauer, Sonja Gerdes, Gold & Wirtschaftswunder, Torkil Gudnason, Boris Guschlbauer, Benjamin Hasenclever, Stefan Heinrichs, Institut, Viktor Ivanowski, Firat Kara, Fabian Hart, Karin Kolumner, Jeremy Leslie, Daniel Lorch, Peter Lorenz, Will McBride, Frank Müller, Bernd Ott, Greg Reynolds, Jan Scharrelmann, Dominik Schatz, Christoph Schlee, David Spaeth, Laura Sheldon, Charlotte von Syberberg, Johannes Thumfart, Andreas Uebele, Cyrille Weiner, Ludwig Wendt, Aidin Zimmermann.
© Cover: Joachim Baldauf. Model: Christina Kruse. Dress by: Stella McCartney. Hair: Tom Kroboth. Make-up: Stefanie Willmann. Styling: Martina Riebeck. Location: Abguss-Sammlung Antiker Plastik Berlin.

 

Auf Einladung der Hochschule Mannheim in der Reihe “mannheim masters”:

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Vorn V, 5. Ausgabe 2008, Editorial, Consultancy & Text: “Weltanschauung: How to hang a picture – Robert Ryman”, in Kooperation mit der Sammlung Archive Marzona, Berlin

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Mit Beiträgen von | With contributions by:

Anna Ameling, Anka Bardeleben, Bendix Bauer, Sarah Bohn, Miloushka Bokma, Mirko Borsche, Candoco Dance Company, Chris Dreher, Yasmine Eslamie, Kez Glozier, Matthias Hangst, Yasmin Heinz, Rachel de Joode, Jina Khayyer, Christina Kruse, Felix Lammers, Jonas Lindström, Egidio Marzona, Georg Molterer, Thomas de Monaco, Bruno Nagel, Patrick Fabian Panetta, Rose Pistola, Aldo Runfola, Michael Schirner, Anke Seitz, Elfie Semotan, Elfriede Anna Stanka, Andree Volkmann, Kexin Zang & Raoul Haussmann vertreten durch eines seiner bekannten Zitate | represented with one of his famous quotes: “IN DADA YOU WILL RECOGNIZE YOUR REAL STATE OF MIND: MIRACULOUS CONSTELLATIONS IN REAL MATERIALS, WIRE, GLASS, CARDBOARD, TISSUE, CORRESPONDING ORGANICALLY TO THEIR OWN BRITTLE OR BULGING FRAGILITY …”. Aus | from: Synthetic Cinema Of Painting, April 1918.
© Cover: Rachel De Joode

 

Vorn IV, 4. Ausgabe 2007, Beitrag: “+ 182 * 95/62/92 #58 – –” … Lesen? 

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© Cover: Joachim Baldauf, Model: Claudia Schiffer

+ 182 * 95/62/92 #58 – –

Wir schreiben das Jahr 1990. Zu diesem Zeitpunkt ist Karl Lagerfeld bereits einige Jahre für das Haus Chanel tätig. Er defiliert mit seinen Prêt-à-porter-Kollektionen von Erfolg zu Erfolg und doch, irgendetwas fehlt. Ein Vexierbild, etwas, das einzigartig und massenfähig zugleich ist, die Zersplitterung, die Antiform der 1970er endlich vergessen lässt. Die Stilisierung des Stillosen der 1980er zu überwinden hilft. Der Verlust der Mitte wird unerträglich. Die Mode hat durch Protest, kritische Theorie und Feminismus ihren Fetisch nahezu verloren. Ihr Objekt, beinahe zu Tode psychologisiert, erscheint auf dem Catwalk als Komplex additiver Einheiten. Gerade zugeschnittene Säcke oder, ihr grauenerregender Komparativ, die maskuline V-linie, verschleifen und codieren den weiblichen Köper bis zur Unkenntlichkeit, bis zum Knie. An dieser kritischen Grenze hält das Oversize der Schnitte zumeist inne, darf der launische Eros aufblitzen oder, ganz anders, darf er auch als verzweifelte Botschaft erscheinen, appliziert auf einer kastenförmigen, bodenlangen schwarzen Robe Castelbajacs: „Je suis toute nue en dessous“. Dem pluralen Szenario, der ‚Mode nach der Mode’, mangelt es nicht nur an verbindlichen und damit eindeutig wieder zu verwerfenden Themen. (DAS Neue gibt es nicht mehr). Sondern, für ihre Essenz viel substantieller, der Mode mangelt es an Persona, die Kleidungsstil, Modelle von Weiblichkeit, Erotik und Fetisch an in sich stimmige Typologien von Frau wieder zurück binden.

In dieser Phase der Stagnation entdeckt der Geschäftsführer einer Modelagentur ein Girl, das (guess why?) in einer Düsseldorfer Diskothek abhängt, dann von Ellen von Unwerth für ELLE fotografiert wird und danach auf Fotostrecke als GUESS-Girl Interesse erregt. Hohe Stirn, offenes Gesicht, blond, lange Haare, blaue Augen, Jeans, sonst nichts an, die Arme über den nackten Brüsten verschränkt, gut gebaut. Wer weiß schon was Lagerfeld sucht, seine Mitarbeiter, er selbst? Wir werden die Wahrheit, gut möglich, nie erfahren. Denn, jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, an den Verstand und Begriff sowieso nicht gelangen. Die Liaison zwischen dem Créateur und seiner Inspiration hält Jahre an  – entscheidende Jahre, nicht nur für KL und Claudia (Clooodia, La Schiffääär).

Wenden wir uns für einen kurzen Moment der kulturökonomischen Perspektive zu. Der Kapitalisierung von Körpern, Stoffen, Images und Lebensstilen. Am Horizont stehen jene Jahre, die aus namenlosen Mannequins Models, Supermodels und, medial beschleunigt, funkelnde Popstars machen. Es geht jetzt um: The Face.

Das Gesicht pusht die Marke. Es heißt Turlington, Patiz, Campbell, Evangelista, Crawford, Auermann, Schiffer. Wow. Gott meint es endlich wieder gut mit uns. Diese Frauen kommen nicht aus der Hölle. Doch ihre Versuchung ist teuflisch. Im Schatten des Modelwahns nehmen die Pradamania und Guccification unserer Tage ihren Anfang, so dass nun das Markensignet, gleich einem Menetekel, den Auftritt des Subjekts tätowiert. Das Branding einer vermeintlichen Individualität, die nicht den Charakter, sondern exklusive Zugehörigkeiten artikuliert, hat nun die Epidermis der Masse erreicht. Im perfiden Gegenzug aber auch manche jener Gesichter verbraucht, welche die Marke auf ihrer Haut zu Markte trugen. Als Schemen eines schillernden, vergangenen Gestern irrlichtern sie nun zwischen all jenen herum, deren Erfolg, Präsenz, Showtalent aktueller, attraktiver, heisser ist. Und doch: Ihre Namen markieren den Siegeszug hoch dotierter Personality, die nach David Beckham und Metrosex („iiiiiiiiiiiiiiiii“), mit who-the-fuck-is-next ihre Fortsetzung findet.

„Man kann nur einen Wahn auslösen, der einem Bedürfnis entspricht,“ so KL in einem Interview mit Moritz von Uslar für das SZ-Magazin 2002, „Hollywood war nicht auf der Höhe. Bis heute. Bis Nicole Kidman kam.“ KL, wie George Michael (yeah, Freedom), hatten den Mangel an auratischen Traumgestalten früher als andere sibyllinisch antizipiert. Wie die Schiffer der damals Bouclé kräuseligen, Goldknopf gesäumten, inzwischen auch etwas schmallippig gewordenen Chanel Couture einen naturfrisch naiven Lolita-Look verlieh, erfreute auch das deutsche Herz. Bewiesen Lagerfeld/Schiffer damit doch, dass das pedantisch fleißige, humorlose germanische Volk auch zu unbeschwertem, bisweilen provokantem Glamour fähig war. Sogar ein wenig verrucht wurde zu Anfang der 1990er versucht, allerdings mit manchmal zweifelhaftem Ergebnis. Blieb der Schiffer das Obszöne fremd, obwohl oder gerade weil Lagerfeld auch selbst ab und an hinter der Kamera stand.

In das Hier und Jetzt unserer Tage wirft die von Scheinwerfern und Blitzlichtgewittern dieser 90er Jahre erhellte Schiffer noch immer ihren Glanz auf eine sich selbst suchende Gegenwart und bleibt weiterhin gelassen, immer blonde Mähne, lächelnd, professionell, distanziert, solide, gepflegt, vorbereitet. Als könnten ihr weder der Dreck noch die Luxusexzesse der Welt etwas anhaben. Nichts bringt sie ins Schlingern. Lack und Leder machen aus ihr keine Dirne. Nein, gerade mit ihr holt man noch aus dem letzten Trash einen Funken an Anstand heraus. Wird sie auch deswegen gerne so geliebt, so gehasst? Als durchschnittlich – ok, geben wir noch was drauf – hausbacken elegant angesehen? Als idealtypische Schwiegertochter gewünscht, als Barbiepuppe erträumt, na ja, wirklich ein hübsches, aber auf Dauer eben auch langweiliges Spielzeug…

Man mag es kaum glauben. Die Schiffer polarisiert. Sie ist auch die wahnsinnig tolle Frau, hinreißend, die lang ersehnte Verkörperung eines neuen deutschen Fräuleinwunders. Ja, auch das, sie gilt für viele schon zu Lebzeiten als Legende. Also, die Schiffer, wirklich phänomenal, gerade wenn es um solche staatstragenden Themen geht, wie die Bewerbung Deutschlands zur Fußball-WM 2006. Eine Heidi Klum erschiene hingegen zu frivol, als Ulknudel zu zerstreut sowie bisweilen zur Peinlichkeit albern und damit wenig repräsentativ, das Land der Ideen international salonfähig zu machen. Im Übrigen, die Werbekampagne zeige, so die entsprechenden Kommentare, die Schiffer nackt (!) in eine Deutschlandfahne gehüllt. Ob sie wirklich nackt war, wir wissen es nicht. So ist sie sich auch bei diesem Job treu geblieben, als ‚Vorstandsvorsitzende ihres Körpers’ (von wem war das noch gleich … sorry, ist auch nicht so wichtig) niemals, aber auch gar niemals, die Hüllen gänzlich fallen zu lassen.

Wollte man aus dem Reigen der neun antiken Musen eine für das Musenphänomen Schiffer best Passende finden, so fiele meine spontane Wahl auf Terpsychore, die fröhlich im Reigen Tanzende oder Euterpe, die Erfreuende. Vielleicht, mal überlegen, noch Thalia, die festlich Blühende, mit ihrem Attribut der lachenden Theatermaske. Denn, Schiffers Gesicht, konkav-konvex im weichen Gegenschwung geformt, ist jede Tragik fremd. Ungeschminkt fehlt ihm die harte Kante, die vereiste Fläche, auf der jeder Slalom geradezu halsbrecherisch im Nirwana jenseits der Piste enden kann. Es charakterisiert hingegen weitschweifige, großzügige Kurven, ich denke an Rieseslalom im Pulverschnee, ich imaginiere Aspen, Colorado. Durch ihre blauen Augen blickt man auf einen Grund, auf hellen Sand. Der Strand der Ostsee, Rügen, Kreidefelsen oder Côte d’Azur, weiter führt das Blau nicht. Das Blau hat nichts Karibisches, nichts Pazifisches. Keine blaue Lagune. Heinrich von Kleist hätte sich am Ufer dieser Augen nicht erschossen.

Ihre Wimpern, überraschend kurz und hell, nehmen immer dankbar das bleierne Schwarz der Tusche auf. Dann endlich erhält das Auge, zusammen mit dem dicken schwarzen Balken an Kajal, den dramaturgisch erforderlichen Kontrast von Licht und Schatten. Wenn wir zum Mund gelangen, en face: Er endet, selten geschlossen, in scheinbar unendlichen geschwungenen Bögen irgendwann seitlich, in leicht ansteigenden Voluten, in zwei kleinen Grübchen. Sie markieren letztlich wohl immer den Eindruck einer unzerstörbaren, kindlich naiven, niemals das Böse erwartenden Hinwendung zur Welt. Die Schwellung der Lippen ist dabei Hohn der plastischen Chirurgie, ihre Modellierung ist weniger aufgepumptes Kissen, vielmehr Körper. Denn sie öffnen das ansonsten eher flache Relief des Gesichts demonstrativ nach vorne, und wenn diesen Mund einmal, sonderbar, kein schmollendes Lächeln umspielt, entweicht ihm das hauchende Seufzen einer reinen Seele und nicht das Stöhnen aus den dionysischen Abgründen des Leibes. Das Gesicht lädt zum Lob der Schminke ein, um das natürlich begrenzte Spektrum seiner Affekte zu erweitern. Doch auch hier stößt man auf eine unwillkürliche Grenze. Dem Gesicht haftet gegen jeden Eingriff und Überpinselung etwas Robustes an, das sich einer niederträchtigen Typisierung genauso entzieht, wie es auch niemals, anders als das Gesicht der Garbo, „… für jenen flüchtigen Augenblick stehen kann, in dem der Film eine existentielle Schönheit aus einer essentiellen gewinnt, in dem der Archetypus das Faszinierende vergänglicher Gesichter durchscheinen lässt…“ (1).

Wir wagen einen Blick in die Zukunft: Claudia Schiffer wird uns bleiben. Als Phänomen einer Zeit, die wir erst nur in Ansätzen überblicken können, obwohl uns die Retromanie gerade etwas anderes glauben machen will. Sie wird uns auch deswegen bleiben, gerade weil sie ihr Privatleben nicht vor den Augen der Welt auswalzt und ihre Mutterrolle an die große Glocke hängt. Es wäre wirklich prima, würde sie uns weiterhin damit verschonen, auch wenn die Medien anderer Meinung sind. Deren Neugier ist grenzenlos, ihre Verzweiflung ist nicht unsere. Wir suchen etwas anderes. In ihrem Gesicht, von außen betrachtet, und nichts anderes ist möglich, suchen wir nach Alterität, Ekstase, Enigma. Wir suchen in der Fiktion ein Bild der Unschärfe. Wir warten noch auf das Unverständliche, nicht Fassbare, Sublime ihrer Existenz.

(1) Roland Barthes, Mythen des Alltags, Frankfurt 1964.